Lärm und marine Säugetiere

Unterwasserlärm und marine Säugetiere

Unterwasserlärm von Offshore-Rammarbeiten kann von marinen Säugetieren über große Strecken wahrgenommen werden. Im Gebiet Borkum West II sind vor allem Schweinswale (Phocoena phocoena) und Robben (Pinnipedia) anzutreffen. Durch Unterwasserlärm werden besonders die Schweinswale beeinträchtigt, da bei diesen Tieren das Gehör neben der Kommunikation auch zur Orientierung und zur Nahrungssuche genutzt wird. Eine dauerhafte Schädigung des Gehörs kann bei diesen Tieren also den Tod zur Folge haben.
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Schweinswal (Phocoena phocoena) © Lutz von der Heyde / BioConsult 2012

Schweinswale werden auf der Roten Liste Deutschlands als stark gefährdete Art geführt und sind im Anhang II und IV der FFH-Richtlinie gelistet. Dem Schutz dieser Tiere kommt somit eine hohe Bedeutung zu. Der Hörbereich eines Schweins­wals reicht wenig­stens von unter 1 kHz bis etwa 150 kHz, mit der größten Hör­empfindlich­keit zwischen 10 und 100 kHz. In diesem Bereich liegt die Hörschwelle niedrig bei etwa 40 – 50 dB. Die Hörschwelle steigt bei tieferen Frequenzen stark an. Das Hörvermögen von Robben ist grundsätzlich etwas schlechter als das von Schweinswalen; die Hörschwelle liegt im empfindlichsten Bereich bei den meisten Arten zwischen 60 und 80 dB.

Die Hörschwelle der Robben liegt in tieferen Frequenzen jedoch niedriger als bei Schweins­walen. Da die meisten anthropogenen Geräuschquellen ihre höchste Intensität in niedrigen Frequenzbereichen haben, können Robben diese Geräuschbelastungen in größeren Bereichen wahrnehmen als Schweinswale. Intensiver Unterwasserlärm kann bei vielen Tierarten zu physiologischen Schäden führen.

Als erste Stufe wird dabei eine vorübergehende Anhebung der Hörschwelle angesehen (Temporary Threshold Shift, TTS), also eine temporäre Schwerhörigkeit durch Lärm­ein­wirkung. Neben Stressreaktionen kann diese Abnahme der Hörempfindlichkeit eine Beeinträchtigung der akustischen Kommunikation und des Orientierungssinns bewirken. Wenn sich eine TTS nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraums erholt, spricht man von einer permanenten Schwellenanhebung (PTS), einer ständigen Schwerhörigkeit, die auch in Verbindung mit einer irreversiblen Zerstörung anatomischer Strukturen auftreten kann.

Bei Meereslebewesen sind diese Phänomene am besten an Säugetieren untersucht, wenngleich auch hier die Datenlage noch sehr lückenhaft ist. Danach wurde TTS bei verschiedenen Walarten bei Schalldruckpegeln (Spitzenpegel) ab etwa 180 dB re 1 μPa beobachtet. Sehr kurze Schallimpulse bewirken erst bei höheren Pegeln als bei Dauerschall TTS, andererseits sinkt die Pegelschwelle für das Auftreten von TTS bei wiederholter Einwirkung eines lauten Schallsignals.

Pinger mit Schäkeln als Gewicht © Sven Stadtmann / BioConsult

Pinger mit Schäkeln als Gewicht © Sven Stadtmann / BioConsult

Um die Schweinswale und andere marine Säugetiere vor Verletzungen durch Unterwasserlärm zu schützen, werden bei Borkum West II vor Beginn der Rammarbeiten sogenannte Vergrämungen durchgeführt. Dabei werden spezielle Geräte zu Wasser gelassen (zum Beispiel sogenannte Pinger), die Geräusche produzieren, welche den Tieren unangenehm sind, aber keine negativen gesundheitlichen Auswirkungen haben. Das führt zu Ausweichbewegungen der Tiere, d.h. die Tiere verlassen das Gebiet. Dadurch soll erreicht werden, dass sich kein Tier mehr in dem Bereich befindet, in dem es später durch den Unterwasserlärm der Rammarbeiten gesundheitliche Schäden erleiden könnte.

Da man aber die Schweinswale einerseits nicht dauerhaft aus diesem Gebiet vertreiben will und auf der anderen Seite die Tiere auch nicht an das Geräusch der Vergrämer gewöhnen möchte (das hätte womöglich eine Schwächung oder sogar ein Ausbleiben der Ausweichbewegung zur Folge), sollen die Vergrämer immer nur so kurz wie möglich eingesetzt werden.

Die mögliche Anwesenheit von Schweinswalen, das Ausweichverhalten und schließlich, ob und wann die Tiere in das Gebiet zurückkehren, soll mit sogenannten PODs (Porpoise Detecting Devices) ermittelt werden. Diese PODs sind in der Lage die Klickgeräusche, die Schweinswale zu Zwecken der Kommunikation, Orientierung und Nahrungssuche von sich geben, aufzuzeichnen und so die Anwesenheit von Schweinswalen zu dokumentieren.